
Kapitalismus ist Demokratie
8. April 2008Ich habe einen Stimmzettel (Banknote) in der Tasche, gehe in ein Wahllokal (Geschäft), dort entscheide ich mich für einen Repräsentanten (Produkt) und wähle eine Partei (Firma). Hier geht es also nicht um eine Utopie. Ich sage nicht, dass Kapitalismus demokratisch sein sollte, ich bemerke, dass es so ist.
Naja, ich Wirklichkeit ist das Ganze etwas komplizierter: Schon die Auswahl des Geschäftes ist eine Form von Abstimmung, denn es wird einen Teil meines Geldes für sich behalten. Außerdem habe ich nicht nur Erst- und Zweitstimme, sondern eine Vielzahl davon. Je mehr Geld man besitzt, um so mehr Stimmen hat man.
Und genau hier geht das Problem los: In der Wirtschaft kümmert sich keiner um Wahlrechtsgrundsätze. Für politische Wahlen hat die Verfassung einige Regeln vorgesehen, die beim Einkauf (natürlich?) nicht zur Anwendung kommen. Ich beziehe mich im Folgenden auf aktives Wahlrecht in Deutschland:
- allgemein: Jeder Mensch darf sein Geld ausgeben. Hier geht die Wirtschaft über die Vorgabe der Politik hinaus: Auch Kinder und Staatsbürger anderer Staaten dürfen wählen.
- unmittelbar: Man kauft nicht direkt beim Produzenten, sondern nach einer Anzahl von Zwischenhändlern. Das ist in diesem Fall aber kein größeres Problem, da man die Händler ebenfalls wählt. Die Komplexität setzt also voraus, dass nicht immer unmittelbar gewählt werden kann.
- frei: Man darf kaufen, was man will. Das gilt so lange, wie ein erreichbaren Händler die gewünschte Wahre hält. Im Zeitalter von Versandhandel darf auch dieser Punkt als erfüllt angenommen werden.
- gleich: Hier muss ich differenzieren: Jedes Geld ist gleich, also entscheidet es nicht, wer was kauft. Allerdings haben reiche Menschen mehr Stimmen als ärmere. Diese Situation erinnert mich an frühere Formen der Wahl von Volksvertretern, bei denen die Meinung von Reichen und Adeligen stärker gewichtet wurde. Hier hat die Kapitaldemokratie also eine klare Ungerechtigkeit zu verzeichnen.
- geheim: Ich möchte hier nicht den Maßstab anlegen, der für politische Wahlen gilt: Es ist offensichtlich, dass ich nicht verstecken kann, welche Produkte ich nutze. Im privaten Bereich ist das vielleicht noch möglich, aber spätestens das eigene Auto kann man nicht vor Blicken schützen. Man kann aber mehr oder weniger anonym konsumieren und es bleibt auch meine Entscheidung, meine Erwerbungen verbunden mit meinem Namen in der Öffentlichkeit herum zu zeigen. Man sieht es einem Menschen nicht an, welche Frühstücksflocken er isst. Der Grundsatz der geheimen Wahl wird aber immer weiter versucht durch Kundenkarten zu unterwandern. Kundenkarten speichern massiv die Wahlentscheidungen des einzelnen Konsumenten und lassen sein Verhalten analysieren. Tante Emma konnte das noch nicht in dem Umfang – Tante Emma würde ich eher mit dem Wahlhelfer vergleichen, der bei zitternder Hand meinerseits das Kreuz für mich setzen darf.
- öffentlich: Das Ergebnis der täglichen Wahl an der Kasse kann man höchstens indirekt durch Entwicklung ganzer Firmen und Börsenwerte ablesen. Ob aber nun die Bio-Konfitüre mit Kirschgeschmack oder die herkömmliche mit Erdbeeren das Rennen macht, erfährt nur der Produzent zuverlässig. Die Menge an Informationen wäre ohnehin nicht überschaubar und ich weiß nicht, ob sich bessere Daten bei Firmen erfragen lassen. Hier ein klares “Ich weiß es nicht.”, was aber den Verdacht nahe legt, dass es eher ein “nein” ist, denn geheime Öffentlichkeit ist ein Paradoxon.
Ob wir es wollen, oder nicht: Jeder Einkauf beinhaltet politische Entscheidungen und ist eine Abstimmung. Leider unterscheiden sich die Standards bei dieser ständigen Wahl stark von denen bei den übrigen. Die Gewährung dieser Rechte sollte – so finde ich – Ziel eines auf den Menschen zentrierten Kapitalismus sein, denn ohne sie geraten wir in die absolute Diktatur der Konzerne.
Eigentlich eine schöne Reflexion. Aber Demokratie zeichnet sich durch die Chancengleichheit der potenziellen Wähler aus. Diese Voraussetzung ist beim Kapitalismus nicht vorhanden und somit fällt der wichtigste Grundpfeiler weg. Der einfache Grund dafür ist das sich die Geldmittel und Güter nicht ständig umverteilen bzw. gleich-aufteilen.
Kapitalismus ist polemisch gesprochen vielmehr eine Diktatur des Geldes als Demokratisch. Zumal zu bedenken ist das die Realpolitik durchaus den Interessen des Geldes folgt.
@ Flash Gordon: Auf das Problem bin ich im Punkt “gleich” eingegangen. Und mir ging es auch darum, eben diese Probleme aufzuzeigen. Meiner Meinung nach muss ein Problem erst analysiert und beschrieben werden, ehe man es lösen kann – im Gegensatz zum Aktionismus in den die momentane Politik gerne verfällt. Ich würde mich freuen, etwas mehr zu dem Thema Kapitalismus und Demokratie zu hören.
Die Gleicheit ist aber essentieller Bestandteil der Demokratie, die diese von anderen Gesellschaftsformen wie der Oligokratie z.B. unterscheidet.
Es ist nicht sinnvoll eine Oligokratie nur weil sie natürlich auch Parallelen zur Demokratie aufweist als eine solche zu bezeichnen.
Gäbe es eine ungefähre Gleichverteilung des Geldes, wäre das vielleicht noch möglich, nach Schätzungen des DIW von 2007 für 2002 besitzen etwa 20% der Bevölkerung 80% des deutschen Vermögens. Der Vergleich hinkt also gewaltig.
Interessante Gedanken, ich schaue wohl öfter mal hier rein.
Kann man politische und wirtschaftliche Systeme wirklich so vergleichen? Gerade beim Merkmal der Gleichheit werden die Schwierigkeiten einer Eins-zu-eins-Übertragung offenbar, wie du selber aufzeigst. Und wenn es Gemeinsamkeiten gibt, inwiefern sind sie nicht bloßem Zufall geschuldet?
Ich würde gar nicht mal den Anspruch formulieren, der Kapitalismus habe demokratisch zu funktionieren.
Er darf bloß Demokratie nicht unterwandern – was auf zwei Weisen möglich ist: Die direkte Umwandlung von Geld in politischen Einfluss einerseits und die Schwächung demokratischer Teilnahme(/-möglichkeiten) andererseits. Dem ersten kann man rechtlich begegnen, dem zweiten mit einem sozialen Gerüst, mit “Spielregeln” sozusagen.
Ob das in der Realität immer umsetzbar ist, ist wieder eine andere Frage. Ein großes Unternehmen in einer strukturschwachen Region hat potentiell auch politischen Einfluss, selbst bei schärfster Regulierung immerhin noch langfristigen Einfluss (z.B. durch Auslaufen der Arbeitsverträge).
Die andere Seite der Medaille (und das übersehen tatsächlich viele Kapitalismus-Kritiker) ist die Macht der Konsumenten, ohne die es nie einen Markt für Öko-Lebensmittel gegeben hätte. Oder für fair gehandelte Produkte.
Da liegt es eben an uns selbst, unsere Verantwortung auch wahrzunehmen, zumindest dort, wo es uns möglich ist. Das wird aus deinem Beitrag auch deutlich.
Exterior says : I absolutely agree with this !
Zuerst einmal ACK an Phil. Ich denke, Du hast es gut erfasst. Nun noch etwas Kritik an der Analyse im Artikel:
Das Problem sehe ich darin, dass der “Wettbewerb” der Unternehmen verzerrt abläuft und somit auch die “Wahl” verzerrt ist (wobei ich Kapitalismus in keiner Weise mit Demokratie gleichzusetzen vermag). Die meisten großen Unternehmen halten Aktienanteile an anderen Unternehmen, teilweise sogar an ihren Konkurrenten (bsp.: Microsoft hielt früher Anteile an Apple) oder bringen ein und dasselbe Produkt unter verschiedenen Marken und/oder Herstellernahmen heraus (Bsp.: Schnittkäse bei Aldi ist derselbe wie der teurere bei Edeka). Dies kann man über die Herstelleridentifikationsnummer auf den Produkten erkennen, was die meisten aber nicht wissen. Die Unternehmen versuchen damit natürlich “Risiken zu streuen” und “neue Märkte zu erschließen”. Gleichzeitig aber verdienen sie somit bei völlig anderen Herstellern (oder eben unter falschem Namen) mit, wenn sie dort Anteile halten (von unfairen Mitteln die Konkurrenz zu unterdrücken ganz zu schweigen). Das ist als würde die FDP davon mitprofitieren, dass die Linke gewählt wird.
Außerdem sind die meisten Konzerne global aufgestellt, wodurch sie mehr ihre “Risiken weiter streuen” (und gleichzeitig Druck auf Politik und Arbeitnehmer aufbauen) können, der Verbraucher aber immer weniger Einfluss hat. Die Wahlquote einer Partei hat direkten Einfluss auf die Sitze, die sie erhält. Dies ist, analog gedacht, bei größeren Unternehmen absolut nicht gegeben.
Abschließend noch einmal: Kapitalismus und Marktwirtschaft sind zwei Dinge, die man IMO voneinander trennen kann. Ich habe eher den Eindruck, dass es in diesem Blog um Marktwirtschaft geht und weniger um Kapitalismus an sich.
Nachtrag: Wieso bekomme ich immer dieses rosa Quadrat? Grün, schwarz oder orange wäre mir da wesentlich lieber ;)
In dem Eintrag geht es tatsächlich um den Markt, ich ahbe mir erlaubt die reißerische Überschrift zu wählen, da der Markt in meinen Augen untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden ist. Kapitalismus umfasst einen Markt, auf dem alles (auch Arbeitskraft) relativ frei gehandelt werden darf, und Privateigentum (auch an Produktionsmitteln). Da ohne das Eigentum ein solcher Markt wenig Sinn ergibt, finde ich es durchaus legitim, direkt “Kapitalismus” zu schreiben. Hier kann man natürlich geteilter Ansicht sein, aber in diesem Blog werde ich auf jeden Fall auch noch andere Aspekte als den Markt beleuchten.
Zur Kritik bezüglich der Marktverzerrung: Hier muss ich dir Recht geben, wenn du sagst, dass die Wahl der Parteien deutlich transparenter und weniger verworren ist. Dieses Problem der “Umetikettierung” habe ich in der Tat nicht betrachtet. Sollte ich einmal etwas umfangreicheres als einen Blogeintrag zu diesem Thema schreiben, werde ich es aber tun. Danke für den Hinweis.
[...] genug ausfallen, um gut davon zu leben. Um also den Güterstrom mit seinen Dollarstimmen (siehe Kaptitalismus ist Demokratie) an den für den Wohlstand dienlichsten Ort zu lenken. Dieser Grundgedanke an sich ist gar nicht so [...]